Kurzbiographie Otto Selz

Otto Selz war einer der bedeutendsten Psychologen Deutschlands. 1881 in München geboren entschied er sich zunächst für ein Studium der Rechtswissenschaften, das er von 1899 bis 1901 in München und Berlin absolvierte. Gleichzeitig besuchte er jedoch Veranstaltungen der Fachbereiche Psychologie und Philosophie und schloss 1907 ein Studium der Philosophie an. Nach seiner Promotion 1909 in München und seiner Habilitation 1912 in Bonn hielt er als Privatdozent und später als Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie, Psychologie und Pädagogik Vorlesungen zu philosophischen Themen. Seine weitreichenden Interessen galten gleichermaßen Fragen der theoretischen wie der angewandten Psychologie. Seine Veröffentlichungen befassen sich mit Fragen der Erkenntnistheorie, Phänomenologie, Pädagogik, psychologischen Diagnostik, forensischen Psychologie und insbesondere der Denkpsychologie.

In seiner Dissertation über "Die psychologische Erkenntnistheorie und das Transzendenzproblem" versuchte er durch die Auseinandersetzung mit den Thesen von Locke, Berkeley und Hume eine eigene Erkenntnistheorie zu erarbeiten und kam zu dem Schluss, dass die Psychologie als biologische Wissenschaft naturwissenschaftliche Methoden anwenden müsse. Die Thesen des Positivismus wurden von ihm somit prinzipiell anerkannt.

Seine wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge betrafen Fragen der Denkpsychologie. Darin formulierte der Psychologe bereits Konzepte, die in modernen Ansätzen - z.B. der Schema-Theorie, Theorien zur Künstlichen Intelligenz oder Problemlösungstheorien - von zentraler Bedeutung sind. Seine Beschreibung von Denkprozessen, lange bevor es Computer gab, hat eine große Ähnlichkeit mit den später durch Computersimulationen festgestellten Prinzipien.

Von 1923 bis 1933 hatte Selz eine Professur für Philosophie, Psychologie u. Pädagogik an der Handelshochschule Mannheim, der Vorgängerin der heutigen Universität Mannheim inne. In dieser Zeit bekleidete er zudem für ein Jahr das Amt des Rektors der Hochschule.

Nach der 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung erfolgten vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand war Otto Selz von wissenschaftlichen Kontakten weitgehend abgeschnitten und an der Verbreitung seiner Forschungstätigkeit gehindert. Ab 1934 konnte er nur noch sechs relativ kurze Zeitschriftenartikel publizieren. 1943 starb er während des Transports in das Konzentrationslager Auschwitz.

Biographische Daten

1899Abitur in München
1899-1901Studium der Rechtswissenschaften in Berlin u. München; gleichzeitig Besuch philosophischer und psychologischer Veranstaltungen (Lipps, Stumpf, Dyroff, Brentano)
1907Zweite Prüfung für den höheren Justiz- u. Verwaltungsdienst
1907-1909Studium der Philosophie in München
1909Promotion zum Dr. phil. in München (Referent: Lipps)
1912Habilitation in Bonn
1912-1921Priv.-Doz. für Philosophie und Psychologie in Bonn
1915-1918Kriegsdienst
1921-1923Außerordentliche Professur für Rechtsphilosophie in Bonn
1923-1933Professur für Philosophie, Psychologie u. Pädagogik der Handelshochschule Mannheim
1929-1930Rektor der Handelshochschule Mannheim
1933-1934Entpflichtung als Dozent und vorzeitige Versetzung in den Ruhestand
1938Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau; Entlassung noch fünf Wochen
1939Auswanderung nach Holland
1939-1943Lehre und Forschungsarbeiten (z. T. inoffiziell) in Amsterdam
1941Ausbürgerung aus Deutschland
24.07.1943Verhaftung und Einlieferung in das Konzentrationslager Westerbork
24.08.1943Transport zum Konzentrationslager Auschwitz
27.08.1943Tod in der Umgebung von Auschwitz